1. Aladdin’s children und ein paar Sätze zur allgemeinen Lage in Afghanistan

2. Zitat „Hamid Karzai“ und ein paar Worte zur Entwicklung Afghanistans

3. Lebensumstände

4.„Kein Baum bewegt sich ohne Wind“ (Afghan. Sprichwort) Meine Tage in Kabul.

5. Bericht 2004. Kinderheime Taymaskan und Allahuddin Orpheum


Aladdin’s children
und ein paar Sätze zur allgemeinen Lage in Afghanistan


April 2004

Als Präsident Karzai nach der Befreiung Afghanistans seinen ersten Deutschlandbesuch machte um die Exil Afghanen in sein Land zurück zu bitten, musste ich mich von einem alten Freund verabschieden der diesem Aufruf umgehend Folge leistete.

Er lebt seit zwei Jahren in Kabul und konzentriert sich dort unter anderem auf den medizinischen Wiederaufbau.

Die Möglichkeit vor Ort Hilfe zu leisten bewegte uns den Verein Aladdin‘s children zu gründen.

Wir möchten in kleinen Schritten die Lebens -und Bildungsumstände der Kinder in Afghanistan verbessern. Zur Zeit verwirklichen wir diese Hilfe in Kabul. Hamed Rahimi suchte zwei stattliche Heime auf, Taymaskan und Allahuddin Orpheum, die jeweils um 700 Kinder beherbergen und noch vor zwei Jahren in unvorstellbarem Zustand waren. Zusammen mit anderen privaten und internationalen Institutionen, begannen wir schrittweise Hilfe zu leisten.

Im Sommer 2003 ließen wir für alle Kinder Hosen, Röcke und Hemden nähen, damit sie nicht mehr als Lumpenkinder in die Schule gehen mussten. Wir besorgten viele Kleinigkeiten, die den Heimalltag erleichtern sollten. Zusammen mit französischen Kultur Schaffenden wurden Kinderfilmtagen organisiert. ( Diese erste Aktion wurde durch eine Versteigerung von Bildern des Künstlers HP Adamski ermöglicht )

Jeder Schritt ist mühsam und muss gut vorbereitet werden. Da die Situation aller in Kabul eine menschliche Katastrophe darstellt, versucht jeder den morgigen Tag zu sichern. Nicht nur wir sind von diesen Schwierigkeiten betroffen, alle großen Hilfsorganisationen stoßen auf das Problem der unorganisierten, unsicheren Tagesabläufe.

Afghanistans Herz ist mehr als eine Ruine. Das herrliche Land ist kahler denn je und bietet den Menschen arg begrenzte Möglichkeiten. Die gesamte Infrastruktur wurde zerstört.
Die Städte sind überfüllt. Dort treffen viele Mentalitäten und Volksgruppen aufeinander.
Das sorgt für große Diskrepanzen.
Auch wenn einiges schon wieder hergestellt ist: der Hunger, die Armut und der Dreck sind tägliche Begleiter, die noch lange nicht aus dem Weg geräumt werden können.

Es gibt von der internationalen Gemeinschaft große Anstrengungen das Land zu befrieden, den Wiederaufbau zu leisten und die Afghanen schnellstmöglich zu lehren, ein gangbares Leben zu führen. Es gibt auch private Investoren, die versuchen sich in der zentralen mittelasiatischen Lage zu etablieren. Das ist ein mutiges und schwieriges Unternehmen. Die Kriegsherren und diversen Volksvertreter ( Pashtunen, Tadjiken, Hazaren, Usbeken, u.a.) in Afghanistan vereiteln die politische Zukunft des Landes und unterbinden den Fortschritt , welcher mittels der politischen und privaten Investoren wesentlich schneller stattfinden könnte.

So umständlich alle Wege erscheinen, so notwendig ist es zu helfen. Da die Kinder die Zukunft bedeuten und recht schnell gefördert werden müssen, konzentrieren wir uns ihnen zu helfen. Jede Spende, jede Idee, jede Möglichkeit die diese Kinder nach vorne bringt ist uns willkommen.

2. Zitat “Hamid Karzai” und ein paar Sätze zur Entwicklung Afghanistans

Zitat des Präsidenten Hamid Karzai (BDI International Private Sector Meeting 2004):

The people of Afghanistan have never accepted governments which tried to control people’s everyday life. Our people prefer to rely on their owm strengths and resources.
And this is why Afghanistan is a country full of entrepreneurial spirits.
Our religion and beliefs are also in favour of Private Initiatives.
Our prophet was born in a family of businessmen. He and his wife were businesspeople themselves.
From our beliefs we support a market economy with social responsibility.
Our country has a great story of trade. Afghanistan has been at the crossroads of international trade for hundreds of years. The silk route is just best known example of this. Even before the term „Globalisation“ was invented, Afghanistan was already a globalised country.


Die Seidenstrasse durchkreuzt Afghanistan und verband einst Persien, Indien, China und Russland, sie schuf die Verbindung auf den europäischen Kontinent.
Heute funktioniert die Seidenstrasse wieder und kann theoretisch von Deutschland über die Türkei, das Kaspische Meer (via Fähre), Turkmenistan oder Usbekistan durch Afghanistan befahren werden.
Es ist ein sehr weiter aber möglicher Weg einen wirtschaftlichen Austausch herzustellen.
Auch das Straßennetz im Land selbst wurde stark verbessert.

Afghanistan besitzt Bodenschätze. So gibt es Gas, Kohle- und Ölreserven, Edelsteine, Marmor, Salz. Neben diesen Möglichkeiten, ist der landwirtschaftliche Wiederaufbau und die Wiederaufnahme von Manufakturen des örtlich traditionellen Handwerks langfristig wieder denkbar.

Um die Seidenstrasse wieder zu nutzen, muss die politische Sicherheit hergestellt werden.
Das gilt auch für die Landwirtschaft. Präsident Karzai garantierte mit dem Abbau des Drogenanbaus zu beginnen. Und kaum waren die Konferenzen in Berlin 2004* beendet, setzte er sein Versprechen geschickt um. Er bat die Alten und Gelehrten um Hilfe. Schon in diesem Jahr begann der Jihad gegen den Drogenanbau. Man vernichtete etwa 8% der Schlafmohnfelder in der Gegend von Jalalabad und anderen Provinzen. Die Regierung möchte den Bauern beim Anbau von Kulturpflanzen helfen.
(* 43 Vertreter gesellschaftlicher Gruppen aus Afghanistan wurden von der Friedrich Ebert Stiftung u. der schweizerischen Stiftung Swisspeace im Rahmen der Afghanistan Konferenzen Ende März 2004 nach Berlin eingeladen. Es konferierten außerdem der BDI, und 60 Delegationen aus 40 Staaten, sowie Hilfsorganisationen aus aller Welt))

Momentan überwiegt der existentielle Wiederaufbau. Die Bauindustrie floriert und ermöglicht viele Arbeitsplätze. Die Probleme die hier auftreten sind nicht ohne, denn Korruption auf den Baustellen, Diebstahl, Lug und Trug sind in der Not des Landes an der Tagesordnung. Die internationalen Aufbauhelfer stehen vor oft unlösbaren Situationen. Baustellen müssen rund um die Uhr bewacht werden und die Bauabnahmen stellen manchen Architekten vor enorme Konflikte.

Die USA installierten vier große Zementwerke. Auch die Aufforstung des Landes in traditioneller Form hat in Milliardenhöhe begonnen.
Es wird ein Konsortium für eine Erdgas Pipeline durch Turkmenistan, Afghanistan, Pakistan gebildet.
(Länge 1680km).

Durch die neue Gesetzesgebung im Dezember 2003 und den bevorstehenden Wahlen im September 2004 wurde das Fundament für ein afghanisches Bankenwesen geschaffen das sich international vernetzen möchte. Brachten wir im September 2003 unser Geld noch per „Hawala“
(ein abenteuerlicher Geldtransfer) nach Afghanistan, besitzen wir heute ein Konto und Afghanistan eine Zentralbank.

Die wirtschaftlichen Momente des Landes sind also nennbare, nicht aber die Lebensbedingungen der Menschen.

3. Lebensumstände

Meine kurzen Besuche in Kabul können wenig Erlebtes vermitteln, so basieren die Informationen auf Erzählungen, internationalen Veröffentlichungen und Konferenzberichten. So sehr der wirtschaftliche Raum zu florieren scheint, der Lebensboden der Menschen verbessert sich gering. Zwar bedeutet die Rückkehr von 3 Millionen Flüchtlingen eine Verbesserung, was mit ihnen passieren soll, wo sie unterkommen, was sie nun tun werden ist doch sehr schleierhaft.
Die Frauen befinden sich zum größten Teil in bekannter Situation. Sie tragen die Burka, nicht nur weil es ihnen von Haus aus so geboten wird sondern auch weil sie sich schämen oder den gierigen Männerblicken nicht ausgesetzt sein möchten. Die hygienischen Möglichkeiten sind wie die medizinische Versorgung für die Masse gleich null, die Unterernährung groß, der Überlebenskampf immens.

Kabul wurde für weniger als 1.Millionen Menschen angelegt, eine Dunkelziffer von über 3,5 Millionen Menschen pfercht sich auf dem durch den Krieg noch viel kleiner gewordenen Terrain zusammen. Wir fuhren an zerstörten Gebieten ungeahnten Ausmaßes vorbei. In den Ruinen, unter eingestürzten Dächern, Fenster -und Türlosen Fragmenten, entdeckte ich kleine Kinder, Frauen, Männer die mühselig ihr Heim wieder aufbauten oder völlig lethargisch in den Ruinen saßen und in die Berge starrten.

Obwohl man im Land über ein sehr gutes Brunnensystem verfügte das sowohl die Grundwasser, klaren Seen und Schneeschmelzen sammelte, hat man heute ein Wasserversorgungsproblem erster Klasse*(Ich verweise auf Mariam Nottens Reisebericht, Zustand der Kinder, Frauen, Staudämme etc.....). Zu viele Brunnen sind noch von den Kriegen zerstört, versiegt oder verseucht. Oft sieht man unverständliche Wasserverschwendungen in TV-Dokumentationen. Da sind dann die neuen Reichen von Afghanistan die bösen Verschwender während alte Leute und Kinder zwei Stunden laufen um zu einer Wasserstelle zu laufen. Wir haben täglich erlebt wie auch die Armen mit Wasser umgehen, sie drehen die Wasserhähne in den öffentlichen Gärten nicht zu. Das gleich geschieht in öffentlichen Institutionen oder neuen Krankenhäusern. Über Nacht lässt man das kostbare Wasser einfach laufen und wundert sich am nächsten Tag über Überschwemmungen. Sicher gibt es in allen Lebenslagen hier und dort die guten und schlechten Beispiele.

Fährt man durch die Strassen und Basare, sieht man wieder ein buntes Bild von Früchten, Hülsenfrüchten, Hühnern und Lammfleisch, Brot. Der Zustand der ausgestellten Nahrungsmittel dürfte einen Europäer umbringen, denn das Fleisch hängt oft tagelang inmitten des Straßenverkehrs, geht durch ungewaschene Hände und hängt mitunter in der prallen Sonne. Auch die Vorgeschichte des Tieres dürfte zu wünschen übrig lassen. Eine Delegation französischer Veterinäre attestierte den Tieren den schlimmsten Zustand. Die Unterernährung und die schlechte Ernährung führen zu enormen Krankheiten.
Noch liegt die pharmazeutische Produktion, vollkommen brach. Medikamente kommen mit Hilfe der internationalen Organisationen, die jedoch fast machtlos sind im Kampf gegen das Elend. Es fehlt vor allem an Grundlegenden Generika, wie Penicillin, Antibiotika oder einfachen Schmerzmitteln.

4.5 Millionen Kinder dürfen sich bilden, für ganze 500.000 ist man eigentlich gerüstet. Auch hier
mangelt es an allem. An Schulen, die auch im Winter genutzt werden können, an Lehren,
Bildungsmitteln etc. Dennoch funktioniert das Bildungssystem ein wenig und das was man den
Kindern und auch teilweise Erwachsenen vermitteln kann, nehmen sie lernbegierig auf.

2001 gab es in Afghanistan über 100.000 Not leidende Kinder, dieser Zustand dürfte sich nur wenig verbessert haben. Die Kindersterblichkeit zählt mit 25% noch immer zur höchsten in der Welt.

 

4.„Kein Baum bewegt sich ohne Wind“ (Afghan. Sprichwort) Meine Tage in Kabul.

Mit der aufsteigenden Sonne überflogen wir das kaspische Meer. Die Ariana schwebte über den felsigen Bergen von Turkmenistan, warf ihren bauchigen Schatten über eine beeindruckende Wüstenlandschaft, die gleich dem Ende der Welt in Felsformationen und Salzseen erstarrte bis sich die ersten unwegsamen Spitzen des Hindukusch ankündigten.
Weitere zwei Stunden schlichte, unbewachsene Höhen, weiße Bergspitzen, Irrwege, kleine Dörfer, verwunschene Festungen. Die Spannung nimmt zu, leise Seufzer fielen in das Bamyiantal.
Hinter dem nächsten Berg wiürde Kabul auftauchen. Tief gruben sich die stillen Tränen der alten Afghanen in mein Herz.
Vor uns breitete sich ein riesiges Tal aus. Tränen des Entsetzens regnen auf die vom Smog verschleierten Ruinen. Kabul, ein große Wunde, deren Knochen gen Himmel ragen. Gnädiges grünes Kraut schaffte Linderung.
Wir landeten auf dem von Minen verseuchten Flughafengelände.
Der Flughafen selbst, ein nahezu amüsantes Chaos, aus dem ich schnell von meinen Freunden herausgezogen wurde. Garry’s Guesthouse. Eine Idylle innerhalb eines ruhigen und bewachten Stadtviertels. Ich schlief im weichen Gras unter den Granatäpfelbäumen und erwachte Stunden später, geweckt durch vier kleine Jungen, die mich lachend umzingelten.

Ich reiste durch die Nächte Kabuls. Hörte die Trommeln und die hohen kreischenden Gesänge der Frauen, die stampfenden Füße der Tanzenden, die bollernde Musik aus den riesigen Hochzeitshallen. Gegen 19.00 Uhr fiel die Sonne hinter die Berge. Stromausfall. Es ward still und Sekunden später wurde ein ganzes Viertel geschäftig. Man fluchte, klapperte mit dem Geschirr, Türen knarrten, Stimmen zirpten, Generatoren brummten. Ich tauchte in einen unbekannten Tiefschlaf und erwachte gegen vier von den Gebeten über der Stadt.
Ein Antiquitäten Laden, Computer- und TV Shops, die angeblich im ersten Jahre nach der Befreiung mit dem Verkauf ihrer Geräte kaum nachkamen, gepflegte Supermärkte und Nestlé Produkte. Ich stolperte in ein edles Internet Café, in das in einem Hochsicherheitstrakt untergebrachte Goetheinstitut. Hier türmt sich deutsche Literatur. Wer wird sie lesen? Welcher Afghane traut sich durch die ungastlichen Sicherheitsschleusen? Und wer badet in den vereinzelten Pools in der Staubwüste?
Eine weitere Oase, die National Galerie. Relativ professionell hat Direktor Adel eine schlüssige Hängung veranlasst, die ein wenig über das Afghanistan von früher berichtet. Über die Leichtigkeit des Seins in den Bergen und saftigen Tälern. An den langen Flüssen und eisigen Seen. Ein wenig unbeholfen hängen die Bilder zwischen Biegungen und Türangeln, undokumentiert, schmutzig, angegriffen vom Zahn der Zeit.
Ich verharrte Stunden in diesen stillen Räumen, diskutierte mit afghanischen Schülergruppen oder Studenten über europäische Kunst oder beobachtete die Menschen. Das Museum schloss. Man brachte mir guten grünen Tee in zerbrechlichen Tassen aus zerbrechlichen Händen. Ich saß auf der improvisierten Außenbühne im Garten und zählte die blechernen Sekunden des Verkehrs. Toyota reihte sich an Toyota, Taxen, Fahrräder, Fußgänger. Vom Berg gegenüber kamen die Bewohner in den Garten der Galerie. In der Mitte stand ein Wasserhahn. Sie füllten Blecheimer und Kannen und drehten niemals den Hahn zu. Das tat ich oder der alte Pförtner mit den zerbrechlichen Händen. Man musterte mich, befremdet, freundlich, ängstlich, misstrauisch. ‚Salaam’ hörte ich mich leise sagen, ich die Fremde, eine irgendjemand mit Taschen voller Geld, eine die das Elend anschaut aber nicht mitnimmt fort nimmt.
Kabul war eine brodelnde Hölle unter einem Stück Himmel. Überall ragten die elenden Stümpfe des Krieges gen Himmel, der gnadenlos blau und heiß, auf den Oktoberstaub brannte.
Die Bäume lagen in haushohen Bündeln vor Schreinereien, in diesen Straßen lehnten Holzfenster an Holztüren oder Treppengeländern, die gesund in kranke Häuser gebracht wurden.
Die Universität. Ein idyllischer Campus fern ab von der Strasse, aber inmitten gnadenloser Verwüstung. Der Campus lebte, grünte und atmete. Überall standen junge in Leute, tuschelten, lachten, diskutieren. Ein friedvolles Fleckchen in dieser Einöde. In der Fakultät der bildenden Künste besuchte ich Dagmar Demming, die wissensdurstige Studenten fütterte und ihnen die moderne europäische Kunstgeschichte vermittelte. In den Fluren , Collagen. Irgendwo entdeckte ich Oli Kahn, Beckham, Coca Cola Werbung und ähnliche Auseinandersetzungen mit den Konsumschätzen unserer Welt. Die Bibliothek beherbergte beste Buchtitel, von Michelangelo bis Clemente. Das erstaunte mich genauso wie der relativ fertige Theaterraum des Instituts.

Kunst und Kultur in einer Welt in der der alles fehlt. Ist das in Ordnung? Es schien so. Das Museum wurde besucht, der Hof war voller junger Menschen, die Universität ein Ort der Freude und Unterhaltung. Nur zu schnell vergessen jedoch die Gebenden, dass in Kabul alles vergessen ist. Niemand weiß mehr wie man liest, malt, musiziert, geschweige denn was ein Instrument ist. Die Kultur, die moderne Zivilisation ist vor den 70ern ohnehin nie ganz in Afghanistan angekommen. Der Hindukusch war das geistige Traumland der Sechziger, ein romantisches Fleckchen in den Bergen, gebaut auf einer jahrtausende alten Kultur, die mit jedem Krieg unter einer neuen Staubschicht landete.
So ist der Einzug der Moderne eine wahre Pioneerarbeit, ein Kraftakt den man auf Grund des Wissenshungers nicht aufgeben sollte..
Sie lieben sie Bollywoodfilme, die laufen überall, auch wenn die Frauen nicht in öffentliche Orte des Amusements gehen dürfen, die Männer tun es.
Dagmar Demming fuhr mich zurück. Sie war eine der vielleicht drei Frauen die In Kabul hinter dem Steuer saßen. So mulmig einem inmitten der ISAF Wagen und dem absoluten Verkehrschaos werden konnte, so sehr amüsierte mich ihr Fahrstil in diesem Chaos. Sie hatte Mut, sie setzte sich durch.

In den folgenden Tagen besuchte ich die Kinderheime und freute mich über die kleinen Fortschritte, die erträglicheren Zustände. Die Kinder waren tapfer, dankbar und relativ lebhaft. Sie hatten einen taffen Tagesablauf, bemalten ihre Wände, stickten, strickten und webten ihre Decken, lernten traditionelle Handarbeit und spielten auf dem großen Grund des Innenhofs. Auch hier trog der Schein. In ihren Gesichtern vergruben sich die Geschichten der erschossenen Väter, Großväter, Brüder und Onkel, der vergewaltigten Schwestern und Mütter, die vor ihren Augen in Brand gesetzten Elternhäuser. Wer weiß was ihnen noch geschah. Während meiner Recherchen geriet ich an Berichte die während der Talibanzeit in den Heimen passierten. Wie sollen wir diesen Kindern helfen? Was werden sie tun? Wie werden sie ihr Trauma, ihren Hass verarbeiten?

Ich wurde von meinen Freunden eingeladen deren Familien zu besuchen. Teilweise überlebten sie die Zeit in Kabul oder Pakistan, andere lebten in Europa oder Amerika und versuchten nun zurückzukehren. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich mit der unendlichen Zerrissenheit von Exilanten konfrontiert, die für einen gewissen Zeitraum den Boden unter den Füssen verloren.
Vor mir saßen Krieger, von erbitterten Kämpfen verletzte Männer, die ihr Leben für das Land einsetzten und gegen Freund und Feind kämpften, am Ende das eigentliche Ziel aus den Augen verlierend . Idealisten, stolze Menschen, Vollblutpolitiker, die ihr ganzes Leben Afghanistan widmeten. Enorm gebildete und Welt erfahrene, humorvolle, gastfreundliche Afghanen. Im Interconti mochte ich nicht so richtig sein.
Mit beklommenen Gefühlen durfte ich Gast einer iHochzeit sein, die schräger und fremder nicht sein konnte. Die Männer tanzten den Tanz der Löwen, ein unheimlich betörender Tanz, die Frauen durften zuschauen und nicht tanzen. Schöne Frauen, Schöne Männer...... Sie kamen von überall her. Aus dem Tod und aus dem Leben.
Tage später zerfetzen zwei Raketen die Rückwand des Interconti.

Die Pausen der Tage vergingen in Garrys Garten. Ein junger Mann brachte mir den besten Tee den ich je getrunken hatte und fruchtige grüne Rosinen. Ich knabberte Zuckererbsen und Granatapfelkerne. Ein japanischer United Nation Helfer wurde an diesem Tag von einem Skorpion gebissen. Er lachte und bedeckte meine Füsse mit meinem Tuch. Der Skorpion saß im Garten. und wir auch und erzählten. Die vereinten Hilfsorganisationen, Forscher, Bänker, Lehrerinnen, Veterinäre, „Deminer“, Sicherheitsleute aus der ganzen Welt. Und alle waren sich einig, Kabul ist etwas ganz besonderes. Keiner störte sich an der Tatsache der knapp bemessenen Duschration, wir alle erlebten es in dieser Woche voll eingeseift unter einem leeren Boiler zu stehen. Den Lärm des Tages hörten wir nicht, den Staub zwischen den Zähnen ignorierten wir, den Durst, weil man zwischendurch nicht trinken und essen wollte, auch. Man durfte in Kabul sein.Und- uns ging es dort sehr gut....
Die plötzliche Nacht , die Stille, das leere gefährliche Kabul beeinträchtigten unsere Gefühle kaum Man hörte endlich die eigenen Gedanken, fühlte die Menschen und die Situation, hörte das eigene Herz und die unendliche Ruhe die sich in diesem kargen Nichts am Ende der Welt über der Seele ausbreitete. „Kein Baum bewegt sich ohne Wind“ sagt ein afghanisches Sprichwort und ich begriff.
Sie sind müde, sie wissen hier und heute entsteht ihre letzte Chance. Wenn es jetzt nicht klappt in Afghanistan, dann ist jede Chance begraben. Dennoch verharren sie erstarrt und bewegungslos, den Blick auf das bloße Überleben und den kommenden Tag gerichtet.
Sie brauchen unsere Seele und unsere Hände, unseren Willen und unsere Liebe. Mit all dem hinreißenden Humor den diese seltsamen Afghanen besitzen, sind sie noch nicht in der Lage aus diesem Alptraum aktiv zu erwachen. Sie warten auf den Wind. M.A.


5. Bericht 2004. Kinderheime Taymaskan und Allahuddin Orpheum

Diese Internetseite wird aus Kostengründen auf das wesentliche reduziert und zweimal pro Jahr auf den neusten Stand gebracht.

In Folge finden Sie den Brief der unseren Spendern berichtet was wir seit Oktober 2003 bewegen konnten und noch bewegen möchten.

Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit, Michéle Adamski

Ich möchte Ihnen erzählen was wir in den Kinderheimen Allahuddin und Taymaskan Orpheum in Kabul erreichen konnten.

Seit einiger Zeit sorgen Hamed Rahimi mit Dr.Osman Nasseh, der sich sehr gut auf dem Gebiet der internationalen Entwicklungshilfe auskennt, für die Umsetzung unserer Vorhaben. Das Alladuddin Orpheum ist inzwischen in einem akzeptablen Zustand. Im Taymaskan sind die Lebensumstände mangelhaft. Beide Waisenhäuser sind staatliche und werden von einer kompetenten und liebevollen Heimleiterin, Soraya Hakim, geführt.

Zusammen mit Frau Hakim wurde die Ihnen bekannte Liste mit den aktuellen Bedürfnissen verglichen.

Zuerst kümmerte man sich um Schuhe. Über 1400 Füßchen wurden auf Papier umzeichnet, mit Namen und Alter versehen. Dieser Vorgang machte es möglich die Kinder zu
„erfassen“. In den Häusern leben ca. 1400 Kinder zwischen 4 -14 Jahren. Tageskinder mit Familienanschluss leben dort kaum noch, hauptsächlich werden Vollwaisen betreut.

Den Schulanfang am 21. März begannen die Kinder in ihren neuen Hosen, Röcken und Blusen und Schuhen.

Wir überwiesen Geld an Mariam Notten die ein Kinderheim in Nimroz nahe der persischen Grenze betreut. Es ist unglaublich was sie dort bewegt. Frau Notten baut den Kindern ein neues Wohnhaus, eine Schule, beides wird vollständig eingerichtet. Das sind nur Fragmente ihres Einsatzes. Eine pdf Datei mit ihren Aktivitäten in einem bedrohlichen Gebiet, finden Sie demnächst auf unserer Internetseite.

Hamed Rahimi und Dr.Osman Nasseh bleiben vor Ort und erfüllen neben ihrer
Hauptberuflichen Arbeit, dem medizinischen Wiederaufbau des Landes, schrittweise alle
Notwendigkeiten:

Im Waisenhaus Taymaskan war es bisher unmöglich die Kinder vernünftig zu ernähren. Nun wird ein Raum von anderen Spendern gebaut und von uns eingerichtet, gestrichen und mit Geschirr etc. ausgestattet.

Taymaskan und Allahuddin erhalten Treibstoff, Taymaskan einen neuen Generator.

Mit der französischen Organisation Medicine du Monde teilen wir uns die medizinische Versorgung, der monatliche Transport aller Kinder zum Krankenhaus wird organisiert.

Es gibt neue Nähmaschinen um die anfallenden Näharbeiten beider Heime zu erledigen.

Die Mädchen bekommen Haarbürsten.

Wasserhähne und Pumpen müssen besorgt werden, die Brunnen drohen zu versiegen und sollten tiefer ausgehoben werden.


So positiv ein Photo wirken kann, so desolat ist die Situation.
Bis die Kinder die neue Schulkleidung erhielten, liefen sie in unförmigen Lumpen herum.
Die Unterernährung sah man den Kindern in der „Schichtkleidung“ nicht an.

Das Taymaskan ist im Gegensatz zum mittlerweile Limetten grün gestrichenen Allahuddin ein düsterer Kasten in dessen Umgebung kein Grashalm wächst. Wir werden für eine Begrünung unter fachmännischer Hilfe sorgen. Die Kinder sollen Schatten spendende Bäume, Büsche, Wiesen, unter fachmännischer Anleitung pflanzen, und eventuell lernen Gemüse und Obst anzubauen. Es wird versucht „traditionell“ zu pflanzen.

Die Vergangenheit und die unsichere Gegenwart bereitet den Kindern unendliches Leid.
Abgesehen vom Verlust der Familien, der Tradition, des Hab und Guts, ist Afghanistan mit das ärmste Land der Welt, die Kindersterblichkeit die höchste, die medizinische Versorgung gleich Null, die Bildungsmöglichkeit gering und in einer Stadt wie Kabul die für 500.000 Einwohner angelegt wurde, leben über 3 Millionen Menschen.
In diesem Jahr kommen 3 Mill. Afghanen in die Heimat zurück. Was wird mit Ihnen geschehen?
4,5 Millionen Kinder werden nun zur Schule gehen. Aber die Mädchen sind immer noch benachteiligt und die Lehrmittel mehr als begrenzt.

Die Augen der Kinder sind traurig. Dennoch sind sie guten Mutes und freuen sich über jede Zuwendung. Frau Hakim erzählte das 95% der Kinder enorm fleißig sind. Wissen erfüllt ihr Leben und sie wissen um ihre Chance.

Wir haben nun Vieles im Sinn. Der Erfolg der vergangenen Monate, der Stolz mit Ihnen so weit gekommen zu sein, drängt uns weiter zu machen. Die Kinder sind die Zukunft Afghanistans. Und wenn die internationale Gemeinschaft dort Erfolge in Zusammenarbeit mit den Afghanen erzielt, werden andere Krisenländer vielleicht folgen.
Mit diesen Gedanken werden wir unser Spendenkonto weiter erhalten und hoffen sehr Ihr Interesse für unsere Arbeit erhalten zu können.

In Zukunft:
-möchten wir die medizinische Versorgung weiter sichern
-Mittels Sachspenden z.B. mit Hilfe eines großen Konzerns haltbare proteinreiche Nahrung ermöglichen
-Einen großen Sportbetrieb zur Sachspende (Freizeitkeidung/ Kleider zum wechseln) gewinnen
-Sporttraining ermöglichen. Einige Sportarten waren vor 25 Jahren Tradition. Wir können die Gemeinschaftlichkeit pflegen und Aggressionen abbauen

-In weiter Ferne, aber im Herzen, liegt der Erwerb eines kleinen Hauses um dort einige Straßenkinder unterzubringen.

Das herrliche Land, die wunderbaren Menschen mit ihrem drolligen Humor, die Hoffnung das
man dem Friedensprozess vorantreiben kann, und die Freude die uns diese Arbeit bereitet,
hält uns auf den Pfaden einer hoffentlich besseren Zukunft für Afghanistan.

Vielen Dank an Hamed Rahimi , Dr.Osman Nasseh und Soraya Hakim, die in wochenlanger Arbeit die Umsetzung aller Hilfsmaßnahmen in Kabul ermöglichen und es hoffentlich noch lange tun werden.

Tashakoor. Wir bedanken uns herzlich für Ihr Vertrauen.


Michéle Adamski